Projektwerkstatt

Projektwerkstatt Freiburg -Konzept-

1. Außer Kontrolle
Wenn der ganz normale Alltag einer Wahnvorstellung gleicht, einem glitzernden und blinkenden Karussell, das sich schneller und schneller dreht und dabei zu zerbrechen droht, und wenn die Menschen darauf figurengleich im Takt mitjubeln, farblos und diszipliniert, dann ist es Zeit, sich zu organisieren.
Der klagende Appell an die Herrschenden bedeutet nichts weiter als das Eingeständnis der eigenen Hilflosigkeit, denn auch deren Rollen sind festgeschrieben in den Regeln eines Spiels, das sich jeden Tag aufs Neue durch Versprechungen, Kontrolle und Gewalt produziert. Sich zu organisieren ist dagegen die notwendige Voraussetzung für eine politische, das heißt kritische Praxis, denn es bedeutet sich die Macht zur eigenen Handlung und die Definition der eigenen Grenzen wieder anzueignen.
Schafft subversive Strukturen!

2. Für ein widerständiges Leben
Was wollen ‚wir‘?
Wir, das ist ein offener Zusammenhang von politischen Aktivistis aus dem süddeutschen Raum, der sich den Aufbau einer Projektwerkstatt in der Umgebung von Freiburg im Breisgau zum Ziel gesetzt hat. Das Haus soll die notwendige Infrastruktur für politische Arbeit und Zusammenleben bieten und darüber hinaus Ansätze der solidarischen Ökonomie verwirklichen. Wir verstehen uns als grundlegend herrschaftskritisch und antikapitalistisch und kämpfen für ein selbstbestimmtes Leben frei von Markt und Verwertungslogik, Staat, Nation, Sexismus, Rassismus, Speziesismus und vielem mehr. Das bedeutet, dass wir den Anspruch haben, Diskriminierungsformen und Hierarchien zu benennen, zu demaskieren und zu bekämpfen. Unser Motto ist demnach kein ‚Schöner Wohnen‘, sondern ein kritisches ‚Fragend voran‘.
Wir haben das Bedürfnis nach materiellen und sozialen Sicherheiten, die eine Projektwerkstatt als Basis für uns erfüllen soll. Wir wünschen uns ein solidarisches Zusammenleben in freien Vereinbarungen, in dem die Verantwortung von Allen nach ihren Fähigkeiten und Möglichkeiten geteilt wird und Raum für gemeinsame Aktivitäten gegeben ist. Wir fordern Raum für Kreativität, Kritik, soziale Experimente und Entfaltungsmöglichkeiten, abnorme Beziehungsformen und neue Ideen. Wir müssen mit den Widersprüchen leben, die das kapitalistische System produziert, mit der Abstraktion der eigenen Bedürfnisse in Tauschwerte und der fortschreitender Zerstörung unserer Lebendgrundlagen müssen wir widersprüchlich und widersprechend leben, und niemals die Widersprüche vergessen oder Teil ihrer selbst werden.
Politische Aktivität ist nur dann möglich, wenn die dafür notwendigen Grundlagen vorhanden sind: Die Befriedigung die persönlichen Bedürfnisse der Aktivistis und eine Infrastruktur, die das Planen und Durchführen von Aktionen und Kampagnen ermöglicht. Darum soll das Projekthaus als Plattform für alle Interessierten offen stehen, um hier an Projekten zu arbeiten. Durch eine gemeinsame Ökonomie wollen wir von den Einzelnen den Verwertungsdruck nehmen und uns, soweit möglich, ohne Geld organsieren. Als Knotenpunkt einer politischen Vernetzung sollen Handlungsmöglichkeiten geschaffen und alternative Organisierungskonzepte ausprobiert werden. Wir wollen zeigen, dass ein widerständiges Leben möglich ist und dazu anregen, eine kritische Praxis zu entwickeln. Im Folgenden werden wir unsere Vorstellungen genauer beschreiben.

3. Strukturen und Vorstellungen
Offener Raum für politische Projekte
Die Projektwerkstatt soll ein Ort sein, der für alle Menschen offen nutzbar ist. Weder einzelne Menschen oder eine Gruppe, noch ein Plenum, sollen hier entscheiden was möglich ist und was nicht, sondern die jeweils beteiligten und anwesenden Menschen sollen untereinander aushandeln was wie gemacht wird. Das heißt nicht, dass politische Inhalte oder die Nutzung beliebig wird. So hat zum Beispiel bisherige Planungsgruppe konkrete Vorstellungen davon wie dort miteinander umgegangen werden soll und welche politischen Projekte sie sich dort wünschen, und welche nicht. Diese Vorstellungen sollen aber nicht durch starre Regelungen durchgesetzt werden, sondern durch Kommunikation und notfalls durch direkte Intervention, in einer dynamischen Aushandlung zu anderen Vorstellungen stehend. Anstelle von plenaren Strukturen setzen wir auf freie Vereinbarungen und eine Vielzahl von möglichen Entscheidungsfindungen.
Die Projektwerkstatt soll ein Ort sein, an dem Infrastruktur und Wissen für politische Projekte aller Art gesammelt und genutzt werden können, an dem Gruppen sich für die Planung von Projekten und Aktionen treffen können. Es ist durchaus erwünscht, dass hier Gruppen mit verschiedenen Ausrichtungen politische Projekte organisieren und die selbe Infrastruktur nutzen. Wir wünschen uns einen konstruktiven, solidarischen Umgang zwischen verschiedenen Ausrichtungen, einen konstruktiven Austausch und damit einhergehend eine Weiterentwicklung von Inhalten und Strategien. Die Bedingung für die Offenheit dieses Raumes ist, dass er durch die Nutzung für eine weitere Emanzipierung (Befreiung) von Herrschaftsverhältnissen weiterhin offen steht, also nicht durch Reprivatisierung, persönliche (evtl. sexualisierte) Grenzverletzungen oder Hierarchien eingeschränkt wird.

Raum zum Aufbau von Selbstorganisation
Als einen wichtigen Schritt auf dem Weg zur Emanzipation sehen wir das Aneignen von Fähigkeiten und das Erlernen von Selbstorganisation. Im Projekthaus soll deshalb der Raum dafür geschaffen werden, frei von Zwängen (Schul- oder Verwertungszwang) sowie von Vorbedingungen (Einkommen oder Erbe, Abschlüsse) in freien Vereinbarungen voneinander lernen zu können – das Alter soll dabei keine Rolle spielen (für junge Menschen, die von Schulzwang betroffen sind, wollen wir einen Zufluchtsort schaffen und sie soweit möglich in der Entscheidung unterstützen, sich der Schulpflicht nicht zu unterwerfen.) Ob bei politischen Projekten, im Zusammenleben, beim Erlernen von Fähigkeiten, beim Ausbau der Projektwerkstatt, beim Gestalten des Alltages, oder beim Befriedigen der materiellen und immateriellen Bedürfnisse wollen wir ein möglichst hohes Maß an Selbstorganisation zum Ziel setzten. Zum einen soll das alle beteiligten Persönlichkeiten stärken, zum anderen eine gewisse Unabhängigkeit ermöglichen. Das bedeutet aber auch dass der Alltag hier politisch wird.

Ökonomische Selbstorganisation
Nicht im Widerspruch zur politischen Arbeit, die von der Projektwerkstatt ausgehen soll, sehen wir das Ziel, auch in ökonomischer Hinsicht eine möglichst breite Selbstorganisation und Solidarität aufzubauen, um die Härten und Sachzwänge des Kapitalismus abzuschwächen und es damit Menschen leichter zu machen über einen längeren Zeitraum im Widerspruch zum System zu leben. Obwohl auch ein kleiner bio-veganer Garten geplant ist soll diese Selbstorganisation nicht in erster Linie auf Selbstversorgung beruhen, sondern zu einem großen Teil in der Nutzbarmachung des Überschusses der Überflussgesellschaft. Durch eine breite Infrastruktur an Werkstätten und Geräten wird vieles selbst zusammengebastelt werden können.

Funktionell Wohnen
Funktionell Wohnen (FuWo) bedeutet die entprivatisierte und damit funktionelle Nutzung von Raum. Anstatt privat, das heißt ausschließend definiert zu sein, werden Räume nach ihrer Funktion kollektiv gestaltet und genutzt. Als Rückzugs- und Intimräume bieten sich hier sogenannte ‚Ampelräume‘ an, also Räume mit einer Nutzer_innenampel (besetzt / sei ruhig / frei etc.) an der Tür, die je nach Bedarf von Einzelpersonen oder Gruppen über kurze oder längere Zeit, je nach Vereinbarung, genutzt werden können. Anstelle von „schöner-wohnen“- Ideologien und Aussteigerträumen fordern wir eine tatsächliche Reflektion und Hinterfragung von Privatstrukturen und Eigentumsverhältnissen auch im Alltagsleben. Sämliche Räume der Projektwerkstatt sind darum entprivatisiert, entkommerzialisiert und funktional. Das verhindert eine private Wiederaneignung und entsprechende Dominanzen und fördert gleichzeitig gleichberechtigte Absprachen und Vereinbarungen und eine optimale Raumnutzung bei begrenzten Ressourcen.

Nachbar_innenschaften (& Netzwerke)
Eine gewisse Infrastruktur wird erst ab einer gewissen Größe des Projektes möglich oder effizient. Um für möglichst viele Lebensbereiche selbstorganisierte Alternativen aufzubauen, beispielsweise eine selbstorganiserte medizinische Versorung oder freie Bildung (auch als konkrete Alternative für junge Menschen zum Schulzwangsystem) ist mindestens eine Projektgröße von 50 – 100 Menschen nötig. Da wir das als langfristiges Ziel sehen, sympatisieren wir mit der dem Aufbau von Nachbar_innenschaften. Darunter verstehen wir, dass neben der Projektwerkstatt verschiedene Nachbarschaften mit unterschiedlichen Schwerpunktsetzungen entstehen können, die in ihren Wünschen und Gestaltungsformen autonom sind, aber alle eine gemeinsame Ökonomie haben. Je nach Objekt in dem die Projektwerkstatt umgesetzt wird, können solche Nachbar_innenschaften in Wagenburgen oder auch in selbstgebauten/renovierten Häusern entstehen.

4. Pläne schmieden!
Platz da!
Wir brauchen viel Platz für eine möglichst vielfältige Infrastruktur. Fürs Wohnen bedeutet das ein oder mehrere große Schlafzimmer, Küche(n) und Essensraum/ ‚Wohnzimmer‘, Nahrungsmittellager und weitere Lagerräume, Waschräume, mehrere Ampelräume und ein Hof o.Ä. für Bauwägen und andere Gefährte. Die politisch nutzbare Infrastruktur soll Arbeits- und Bastelräume beinhalten: Büros mit entsprechender Ausstattung: Drucker, Kopierer, Scanner, Fax, Beamer etc., Werkstätten für Fahrrad, Holz und Metall, eine offen zugängliche Bibliothek, einen Umsonstladen, Seminarraum für Gruppentreffen und Workshops, Campfläche, einen offenen bioveganen Garten und, im besten Fall, eine eigene Druckerei für Flyer, Zines und Zeitschriften.

Konkrete Anforderungen
Für Nachbarschaften an Ort und Stelle sollte das Objekt mindestens 5000 qm Fläche haben, darunter auch Bauland. Für regional vernetzte Nachbarschaften und Kooperativen ist auch ein kleineres Gelände möglich. Sinnvoll und auch im Immobilienangebot sind alte, mehr oder weniger renovierungsbedürftige Fachwerkhäuser mit ausbaufähiger Scheune, evtl. weiteren Wirtschaftsgebäuden und Hofgrundstück. Das Haus soll im Regiotarif Freiburgs oder knapp außerhalb liegen und mit Fahrrad und/oder Regionalverkehr von der Stadtmitte in maximals einer Dreiviertelstunde erreichbar sein. Außerdem ist eine gute Möglichkeit zum Trampen sehr vorteilhaft.

Ökologisch bauen
Um im Bereich des Bezahlbaren zu bleiben suchen wir eine Immobilie, an der es noch viel zu Renovieren oder Neubauen gibt. Dabei wollen wir mit ökologischen Materialien bauen und, im Gegensatz zum populären ökologischen Bauen, nicht nur einen möglichst hohen Dämmwert erreichen, sondern uns auch Gedanken über die verwendeten Materialien machen, deren Energiekosten bei Abbau, Aufarbeitung und Transport ja auch enorm sind, die Landschaften und ökologische Gefüge zerstören und/oder giftige Substanzen erzeugen. Darum setzen wir auf lokale, natürliche Baustoffe wie Holz, Stroh und Lehm und recycletes Material. Ein weiterer Schwerpunkt soll eine emanzipatorische Atmosphäre beim Bauen sein. Oft sind Baustellen männlich dominierte Orte, an denen denen sich die Mackerhaftesten durchsetzen. Leider gibt es diesen Trend auch in der linken Szene. Wir wollen diesem Trend entgegenwirken, indem wir bewusst auf eine Atmosphäre setzten in der das Erlernen im Vordergund steht und nicht wer bisher am meisten kann/ weiß. Beim Bauen und Renovieren soll es möglich sein kreativ zu werden und eigene Ideen umzusetzen.

Die Finanzierung
Da wir nicht genug Geld haben, um ein Haus damit direkt zu kaufen und auch keinen Bankkredit aufnehmen wollen, sind wir auf Direktkredite angewiesen. Das heißt, dass uns Menschen, die unser Projekt unterstützen wollen, Kredite geben und auf die Zinsen verzichten. Da es immer weitere Zusagen auf Direktkredite in der Hinterhand gibt, ist es für den Kreditgeber jederzeit möglich, den Direktkredit zurückzufordern. Als Sicherheit und Gegenwert dient die Immobilie. Dieses Finanzierungskonzept hat sich bei vielen anderen Projekten bewährt. Derzeit überlegen wir uns, eine Immobilie mit Hilfe der Stiftung Freiräume zu erwerben, um sie in einem Autonomievertrag zwischen der Stiftung und den Nutzer_innen endgültig und rechtsverbindlich zu entprivatisieren und die Nutzungskriterien festzusetzen.

Unterstützen & Mitmachen
Wer uns unterstützen will, kann uns mit den eigenen Kenntnissen in der Planung ( z.B. handwerkliche Fähigkeiten, Rechtskenntnis…) oder bei der Findung und Finanzierung des Hauses helfen. Ein Direktkredit macht für uns ab der Höhe von 1000 Euro Sinn, weil ansonsten der Verwaltungsaufwand zu hoch wird. Persönlich profitieren alle KreditgeberInnen natürlich auch dadurch, dass ein offener Raum entsteht, den sie selbst für die Umsetzung eigener Ideen nutzen können. Wenn du dich konkret an der Projektwerkstatt und den Planungen und Vorbereitungen für Haussuche, Kauf, Renovierung und Ausbau beteiligen oder dich mit einem bestimmten politischen, künstlerischen oder handwerklichen Projekt einbringen möchtest, dann schreibe uns an. Da wir ein offenes Projekt sein wollen, ist auch der Vorbereitungsprozess offen. Neue Ideen und Menschen sind also ausdrücklich erwünscht.
Also: Wer mitmachen, uns mit Kenntnissen unterstützen, uns ein Haus empfehlen oder schenken will, wer bereit ist, uns einen Direktkredit zu geben oder sonst noch eine Idee hat, melde sich unter: prowe-freiburg@riseup.net.