Besetzung in Herdern: Offener Brief

Offener Brief an den Gemeinderat Freiburg und die Stadtbau GMBH

Übrigens: Das Haus in der Johann-Sebastian-Bach-Straße 36 hat seit Freitagabend neue Bewohner_innen. Aktivist_innen und Unterstützer_innen der Freiraumkampagne PLÄTZE. HÄUSER.ALLES. Haben das seit einiger Zeit leerstehende Wohnhaus besetzt, um auf die derzeitige Situation in der Straße aufmerksam zu machen.

Wir fordern den sofortigen Stopp aller Baupläne von Stadtbau und der Stadt Freiburg, sowie das Recht für die gebliebenen Mieter_innen, unbegrenzt in ihren Häusern wohnen zu bleiben.

Die Freiburger Stadtbau plant die Häuser mit den Hausnummern 26-36 und 29-39 abzureißen und durch Neubauten zu ersetzen. Begründet wird diese Maßnahme damit, dass es für die derzeit existierenden Wohnungen keine Nachfrage gebe und die Häuser in einem baufälligen Zustand seien.

Im Gespräch mit Anwohner_innen betonten diese uns gegenüber jedoch, dass die Nachfrage nach leistbarem Wohnraum in diesem Straßenblock noch immer besteht. Fakt ist, dass durch den Neubau der betroffenen Häuser die Johann-Sebastian-Bach-Straße und der Stadtteil Herdern aufgewertet werden sollen. Mit dieser Aufwertung geht gleichzeitig die Erhöhung des Mietpreises auf ca. 10-12 € pro qm² einher – ein Mietpreis jenseits aller Möglichkeiten zum Beispiel für HartzIV-Empfänger_innen.

Um die Baumaßnahme umzusetzen mussten und müssen die Bewohner_innen der Johann-Sebastian-Bach-Straße die Wohnungen verlassen und werden sich nach der Baumaßnahme die Nutzung des Wohnraums nicht mehr leisten können. Viele der derzeitigen Mieter_innen sind zudem ältere Menschen, die zum Teil schon Jahrzehnte dort gelebt haben. Dieses Beispiel entspricht der allgemeinen Linie der städtischen Wohnungspolitik. In vielen Stadtteilen Freiburgs wird günstiger Wohnraum zerstört, um an deren Stelle teure Prestigeobjekte zu setzen.

Durch diese Aufwertungs-, Verwertungs-, Verdrängungsprozesse (Gentrifizierung) werden immer mehr Menschen die Möglichkeiten verwehrt, ihre Bedürfnisse nach Wohnen und Leben zu ermöglichen. Die Stadtbau ist hier ein_e Akteur_in der Gentrifizierung! Den Menschen, die aufgrund ihrer finanziellen und sozialen Verhältnissen benachteiligt sind, wird durch die Aufwertungspolitik der Stadt der Zugriff auf Wohnraum verwehrt wird. Sie werden faktisch aus der Stadt verdrängt. Besonders betroffen von dieser Verdrängung durch Verwertung von Wohnraum sind Obdachlose, Flüchtlinge, ältere Menschen, Arbeitslose und viele mehr. Kurz und knapp gesagt werden die Armen rausgeschmissen, um Platz für die Reichen zu machen. Was dabei entsteht, ist eine segregierte Stadt, wie im 19. Jahrhundert: die Promenaden den Gutsituierten, dem Pöbel die Mietskasernen außerhalb.

Wenn jedoch auf den Abriss der Häuser verzichtet wird, kann der dort existierende Wohnraum erhalten bleiben. Die Menschen, die derzeit noch in den Häusern leben, können ihren seit Jahren genutzten Wohnraum erhalten.

Wenn Menschen durch den kapitalistischen Wettbewerb und die völlig ungleiche Verteilung von materiellem Gut, Wissen und Entfaltungsmöglichkeiten zuerst prekarisiert und dann ausgegrenzt und übersehen werden, weil sie nicht mehr verwertbar sind, dann nehmen sie ihr Schicksal selbst in die Hand. Wir vertrauen euren Versprechungen und sozialen Verheißungen nicht, wir vertrauen nur
Tatsachen, indem wir sie schaffen. Unsere einzigen Forderungen an die Stadtbau und die Stadt Freiburg sind also negative und summieren sich auf einen Punkt: Den Verzicht von Profit zugunsten des eigentlichen und direkten Zwecks von Wohnraum; nämlich der Erfüllung menschlicher Bedürfnisse nach Unterkunft, Kommunikation, Gegenseitigkeit und Unterstützung, Sicherheit und Rückzugsmöglichkeiten.

Viel mehr als Forderungen zu stellen, wollen wir jedoch selbst Raum für unsere Bedürfnisse und die Bedürfnisse derer schaffen, die in dieser Stadt keine Stimme haben. Da die Häuser in der J.S-Bachstraße eine gute Bausubstanz haben, sehen wir uns in der Lage, die notwendigen Renovierungsarbeiten für eine Weiternutzung der Häuser nach und nach vollständig selbst zu übernehmen und so ein tatsächliches soziales Wohnen in Selbstorganisiation zu ermöglichen. Projekte wie das Grethergelände und die S.U.S.I haben in der Vergangenheit bewiesen, dass dieses Konzept erfolgsversprechend ist und vielen (und trotzdem viel zu wenigen) Menschen in prekären Verhältnissen eine annehmbare Wohnsituation möglich macht.

Wir fokussieren zwei Projektformen, die nebeneinander einen Platz finden sollen: Selbstorganisierte Nachbar_innenschaften als Wohnprojekte und eine Projektwerkstatt für offen und gemeinschaftlich genutzte Infrastruktur.

Gerade für Flüchtlinge, die sich legalisiert oder illegalisiert in Freiburg aufhalten, könnte durch die Nachbar_innenschaften ein Raum für einen hürden- und diskriminierungsärmeren Alltag entstehen, zumal das Leben in den bisher bestehenden Flüchtlingslagern kein menschenwürdiger Zustand ist. Auch Menschen, die durch andere Umstände ausgegrenzt werden, haben mit dem Konzept eines nachbar_innenschaftlichen Wohnens die Möglichkeit, Wohnraum zu finden: Obdachlose, Arbeitslose, HartzIV‘ler_innen, Alleinerziehende, ältere Menschen, Menschen mit Behinderungen, Minderjährige…

Die Projektwerkstatt als nonkommerzielle Infrastruktur verbindet selbstorganisiertes funktionelles Wohnen (also Wohnen ohne Privatzimmer und die gemeinschaftliche Nutzung praktischer Gegenstände im Haushalt) mit dem Anspruch kulturellen und politisch-emanzipativen Engagements. So sind diverse nonkommerzielle Werkstätten für Holz- und Metallbearbeitung, eine Fahrradwerkstatt, Büros, ein Atelier, ein Seminarraum und Lagerräume eingeplant. All diese Infrastruktur wird offen zugänglich sein, also unter Absprache mit den anderen Nutzer_innen von Jedermensch genutzt werden können. So entstehen unter geringem Aufwand vielfältige kreative Möglichkeiten, die das Leben vieler Menschen in Freiburg bereichern können und die tatsächliche Erfüllung menschlicher Bedürfnisse zum Ziel haben.

Für Raum für Leben statt Eigentum und Verwertungslogik!

Aktivist_innen für die Besetzung
PLÄTZE.HÄUSER.ALLES