St. Petersburg, Russland: Gewaltsame Räumung eines Bahnhofs

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Am 4. Februar gegen 22:00 Uhr lokaler Zeit räumten Einheiten der Riot-Polizei auf brutale Art und Weise die stillgelegte Bahnstation ‘Warschau’, die von AnarchistInnen, CommunityaktivistInnen und lokalen Geschichtsinteressierten in St. Petersburg (Russland) besetzt wurde.

Als AktivistInnen davon hörten, dass die Stätte bald abgerissen werden sollte, um ein mehrstöckigen Hauskomplex an ihrer Stelle zu bauen, verwandelten sie die anliegenden Lagerhallen in ein Gemeinschaftszentrum, das Konzerte, Poesie-Lesungen und eine Fotoaustellung über die Geschichte des Bahnhofs beherbergte.

Das Gebäude im Baustil der Neorenaissance wurde Mitte des 19. Jahrhunderts gebaut und die Zuglinie verband die Städte St. Petersburg und Warschau, das damals noch zum russischen Zarenreich gehörte, direkt miteinander. Geschlossen wurde der Bahnhof 2001, woraufhin er in ein Zugmuseum umgewandelt und schließlich leer stand. BauunternehmerInnen reichten Pläne ein, um das Gebiet im Oktober neu zu bebauen, obwohl Teile des Gebäudes denkmalsgeschützt sind. Weiterhin verpflichtete der Status der Stadt als UNESCO-Weltkulturerbe die Regierung alle Konstruktionen von Gebäuden, die nicht im imperialen Stil gehalten werden, sorgfältig zu kontrollieren.

In der Tat rückten die Schwierigkeiten des Erhalts des historischer Gebäude in St. Petersburg im Jahr 2006 in den Fokus des breiten Aktivismus, als eines der größten Öl- und Gasunternehmen – GazProm – Pläne veröffentlichte, gegenüber des Smolny-Komplexes (einst der erste Sitz der bolschewistischen Regierung) einen 395 Meter hohen Wolkenkratzer zu bauen. Demonstrationen wurden durchgeführt, eine Basisbewegung mit dem Namen ‘Lebende Stadt’ wurde gegründet, öffentliche Persönlichkeiten schlossen sich der Kampagne an und 2010 wurde das Projekt schließlich an eine wenig kontroversere Stelle verlegt. Öffentliche Räume vor dem Eingriff des Kapitals zu verteidigen ist tief in den Venen der Stadt verankert.

Der Warschau-Bahnhof liegt am Rande des historischen Zentrums und sein Status als eine Stätte von historischer und kultureller Bedeutung wurde von der Stadtverwaltung als ‘umstritten’ ausgelegt. 2007 wurde der Status jedoch geändert und ermöglichte es BauunternehmerInnen Anträge zur Bebauung des Gebiets einzureichen. Zurzeit untersucht die Nicht-Regierungsorganisation ‘die gesamtrussische Gesellschaft für den Schutz von historischen und kulturellen Gebäuden’ (VOOPiK) den historischen Wert der Gebäude. Nach Angaben der Gruppe haben 15 der Gebäude eine historische oder kulturelle Bedeutung. Viele fürchten jedoch, dass die BauunternehmerInnen die Gebäude zerstören könnten, bevor die Untersuchung überhaupt beendet ist: bspw. durch einen nicht erklärbaren Vorfall von ‘Brandstiftung’.

Daher besetzten AktivistInnen Anfang Januar die letzte Lagerhalle des Warschauer Bahnhofskomplexes. Zuerst kreuzte der Besitzer auf und schien sich nicht um die Anwesenheit zu scheren. Er schaltete den Strom und andere Annehmlichkeiten für über einen Monat nicht ab. Dies änderte sich jedoch am 4. Februar: Gegen 16:00 Uhr trafen AktivistInnen Sicherheitskräfte an, die vom Besitzer der Lagerhalle angeordnet wurden, mit einem Vorschlaghammer die innere Mauer der Lagerhalle aufzubrechen. Ein Kampf brach aus zwischen den AktivistInnen und den Sicherheitskräften, die dann die Polizei riefen und behaupteten, dass sie von den AktivistInnen bedroht wurden. Bis zur Ankunft der Polizei verbarrikadierten sich einige der AktivistInnen in dem Gebäude, während andere eine Menschenkette um das Gebäude bildeten und somit versuchten, der Polizei den Zugang zur Tür zu blockieren. Die Auseinandersetzung zwischen den BesetzerInnen, der Polizei und der Riot-Polizei dauerte mehr als 6 Stunden an.

19 AktivistInnen wurden verhaftet, unter ihnen viele, die mit Gehirnerschütterungen ins Krankenhaus eingeliefert wurden. Die Polizei erlitt ebenfalls Verletzungen während der Räumung und zwei Cops mussten sich aufgrund von Zahnverlust und Schädelfrankturen einer medizinische Untersuchung unterziehen. 16 von den BesetzerInnen erhielten Strafen von ca. 40 €, wohingegen die 3 übrigen wegen Gewalt gegen Polizeibeamte angeklagt werden, eine Anschuldigung, die bis zu 10 Jahre Knast nach sich ziehen könnte. Tatsächlich spricht die Geschwindigkeit, mit der dieser Fall durch die Gerichte jagt, für die Wahrscheinlichkeit der Höchststrafe.

Solidarität mit den verhafteten BesetzerInnen!

Bitte veröffentlicht ihren Mut soweit wie möglich. Sie benötigen dringend Gelder für ihre rechtliche Vertretung. Um sie mit einer Spende zu unterstützen oder eine gemeinsam Spendensammlung zu initiieren, schreibt eine Email an: russiaukasn@riseup.net

Obwohl es unwahrscheinlich ist, dass der Eingriff in den Warschau-Bahnhof durch das private Kapital einen ähnlich großen Aufschrei in der Öffentlichkeit erlangen kann wie bei dem GazProm-Projekt, hat der Kampf für den Erhalt sicherlich Aufmerksamkeit erregt. Videos, Artikel und Fotoreportagen der Räumung sind in den letzten Tagen massenhaft durch die russischen – sowohl lokalen als auch nationalen – Medien gegangen und, obwohl die Besetzung selbst wohl keinen weiteren Bestand haben wird, so wurden die verborgenen Beziehungen zwischen den städtischen KapitalistInnen und der lokalen Regierung einmal mehr in das Licht der Öffentlichkeit gerückt. Die BauunternehmerInnen werden ohne Zweifel einen langen, harten Weg vor sich haben. Es ist ein Verbrechen, dass drei Individuen einen solch hohen Preis für die Verteidigung der sozialen Gerechtigkeit zahlen sollen.

Update (07.02.) zu den verhafteten BesetzerInnen in St. Petersburg:

Bis auf einen Aktivisten sind alle mit der Auflage, vor Gericht unter der Anklage wegen Ordnungswidrigkeit zu erscheinen, entlassen worden. Das ist ein minderschweres Vergehen und resultiert normalerweise in einer formalen Warnung oder einer Geldstrafe.

Der letzte Hausbesetzer, von dem das Petersburger Ermittlungskommittee berichtet, es solle sich um einen 20 jährigen Kollegestudenten aus Tatschikistan handeln, befindet sich für zwei Monate in U-Haft im berüchtigten Kresty-Knast und wird der Gewaltanwendung gegen einen Polizisten verdächtigt.

Einzelheiten zur Spendensammlung für seine Unterstützung werden in Kürze veröffentlicht

Für weitere Informationen: Foto-Reportage der Räumung; Der Blog der Besetzung (auf Russisch)